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Kapitel 17 Die Geistige Sonne

17. Kapitel – Die Sphäre des neunten Geistes (Ev. Markus). – Führung in die eigentliche Geisterwelt. Jenseitige Gestaltung des Lasters der Fleischesliebe.

[GS 1.17.1] Auch diesen neunten Geist sollet ihr in seiner Sphäre sehen und sprechen. Er wird euch in verschiedene Orte führen, wo ihr so manches erschauen und erkennen werdet, was euch bis jetzt noch fremd geblieben ist. Aus dem werdet ihr auch so manches bisher Geschaute in einem helleren Lichte erblicken.

[GS 1.17.2] Sehet, da unser neuer gastlicher Freund schon dasteht, so begebet euch nur sogleich in seine Sphäre und folget ihm nach seiner Weisung.

[GS 1.17.3] Ihr befindet euch nun schon in seiner Sphäre. So beachtet denn, was dieser neue Führer zu euch spricht, indem er sagt: Liebe Freunde und Brüder, kommet, kommet mit mir zu schauen, was alles die unendlich große Vaterliebe bewirket und wie lieblich sie ist allenthalben! Freuet euch über die Maßen, daß es dem Herrn gefallen hat, eurem Geiste solches zu zeigen; denn ihr werdet es mit eigenen Augen erschauen, wie unergründlich die Wege des Herrn sind und wie unerforschlich die Ratschlüsse Seiner unendlichen ewigen Weisheit!

[GS 1.17.4] Schauet links um euch her, so weit nur eure geistigen Augen reichen, und saget mir dann, was alles sich euren Augen zeigt. Ich sehe wohl, daß ihr ob der Größe des Anblickes verlegen seid und nicht wisset wo aus und wo ein, wo anfangen und wo enden! – Also will denn ich nach guter Ordnung euch die Dinge, die ihr schauet, wörtlich darstellen.

[GS 1.17.5] Gegen Mitternacht hin erblicket ihr eine ziemlich kahle Gegend; hohe, schroffe Gebirge türmen sich hintereinander auf und blicken wie drohende Richter in die herrlichen Ebenen hinab. Hier und da zwischen den Bergen und auf den kleineren Hügeln entdecket ihr Gebäude nach der Art eurer Wohnungen auf dem Erdkörper; hier und da, mehr gegen die Niederung herab, steht auch ein kleines Kirchlein. In der höheren Sphäre dieser Berge entdecket ihr halbdunkle Wolken ziehen, und über denselben scheinen die Berge aus lauter Schnee und Eis zu bestehen, etwa wie die hohen Gletscher bei euch auf der Erde. – Ferner erblicket ihr diese ganze nördliche Gegend durch einen großen und breiten Strom abgeschnitten von dieser Gegend, in der wir uns soeben befinden.

[GS 1.17.6] Wenn ihr die Richtung dieses Stromes verfolget, so kommt er aus der Gegend zwischen Morgen und Mitternacht hervor und richtet seinen Lauf nahe halbkreisförmig zwischen Abend und Mitternacht hin. Seine Fluten sind gewaltig wogend und stürmend, darum nur eine einzige fliegende Brücke oder vielmehr ein freies Schiff den Übergang für die Bewohner möglich macht, die jenseits des Stromes hausen.

[GS 1.17.7] Ihr möchtet wohl wissen, was das für Bewohner sind? Solches können wir ja bald erfahren. Gehet nur mit mir, der Kahn ist soeben diesseits und wir werden den Strom mit leichter Mühe überfahren. Ihr wollt solches, und sehet, wir sind schon am Ufer des Stromes. Steiget nur recht beherzt in den Nachen ein, und scheuet weder die schäumenden Wogen noch die schwarze Tiefe dieses Stromes. Wir werden den Nachen so geschickt leiten, daß auch nicht ein Tropfen in denselben hereinkommen soll.

[GS 1.17.8] Nun denn, ihr seid herinnen. Sehet, die Fahrt geht besser, als ihr es euch gedacht habt, denn wir sind schon in der Mitte des Stromes. Erschrecket euch aber nicht vor den Ungeheuern, welche ihre Häupter über die Wogen erheben, ihre Rachen gar gewaltig aufsperren, als wollten sie ganze Welten verschlucken; denn sehet, wir sind nahe dem jenseitigen Ufer, und nun haben wir es auch völlig erreicht. Steiget nun ans Land vor mir, und ich will euch folgen und zugleich den Nachen am Ufer befestigen.

[GS 1.17.9] Sehet, wir sind nun auf dem Lande. Dort, ziemlich tief in einem Tale erblicket ihr ein schmutziges Dorf, dorthin lasset uns gehen und beschauen, was es allda gibt. Wir sind schon da; wie gefällt es euch hier? Ihr bekommt ein förmliches Fieber. Ich aber sage euch, da sieht es noch gut aus; es wird aber schon noch besser kommen!

[GS 1.17.10] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder! Wir sind schon mit dem zufrieden, denn die überaus schmutzigen Häuser des Dorfes sehen ja aus wie bei uns auf der Erde eine Brandstätte, allda ein Dorf in irgendeinem schlechtesten Winkel der Erde abgebrannt wäre. Und die Menschen, die wir hier erblicken, sehen ja so lumpig aus, daß man sich auf der Erde nicht leicht etwas Lumpigeres vorzustellen imstande ist. – Da kommt eben ein Paar auf uns zu; der Mann ist halb nackt. Die nackten Teile seines Leibes sind abgemagert und schmutzig, und über der Brust scheint er eine Brandwunde zu haben. Die Haare sind über die Hälfte wie vom Feuer versengt; auch das halbe Gesicht scheint verbrannt zu sein. – Sein Begleiter scheint ein Weib zu sein. Herr! welch eine klägliche weibliche Gestalt! Sie sieht ja doch aus, als wenn sie im Ernste schon drei Jahre lang eingegraben gewesen wäre. Nur über die Schultern hängen noch einige schmutzige Lumpen herab und haben das Ansehen, als wenn sie soeben aus einer Kloake gezogen worden wären. Ihre nackten Füße scheinen fleischlose Knochen zu sein; und ihre Arme! Der eine ist ein halbverbrannter Skelettarm und der andere ist voll Eiter und Geschwüre; und ihr Kopf, welch eine Physiognomie! Wahrlich, wer aus dieser irgendeinen Charakterzug außer dem des barsten Todes zu entnehmen imstande ist, der muß sich in einem hohen Grade der Weisheit befinden.

[GS 1.17.11] Ja, meine geliebten Freunde und Brüder! Laßt euch diesen Anblick nicht gereuen; denn so sehen hier die Bewohner dieser Gegend noch am vorteilhaftesten aus, und dies ist somit nur ein erster Anfang des großen Elends, welches diese Gegend in sich birgt. – Bewegen wir uns aber jetzt in das Dorf selbst hinein, und ihr sollet wahrhafte Wunderdinge schauen.

[GS 1.17.12] Da ist eben das erste Haus. Seht einmal bei diesem niederen Fenster hinein, was erblicket ihr? Oh, ihr schaudert zurück; was ist denn? – Ich weiß es wohl, hier gibt es keine Parfümeriegewölbe. Ihr sehet auf dem Boden dieses Zimmers halbverweste menschliche Wesen durcheinander kauern und in ihrem stinkenden, von den Knochen halb abgelösten und abgefaulten Fleische herumwühlen. Das ist freilich wohl kein löblicher Anblick. Aber es ist einmal nicht anders, denn so artet hier die Liebe des Fleisches.

[GS 1.17.13] Ihr fraget, ob diese Wesen denn gänzlich verloren sind? Ihr wisset ja, wie groß die Liebe und Erbarmung des Herrn ist! Sehet, von allen diesen muß ihr Fleisch oder vielmehr ihre fleischliche Lust gänzlich auf die ekelhafteste Weise aufgezehrt sein, bevor sie in einen solchen Zustand kommen können, in welchem für sie eine Hilfe möglich ist.

[GS 1.17.14] Meinet ihr, diese von eurem Blicke aus betrachtet höchst elenden Wesen fühlen sich etwa unglücklich in diesem Zustande? O mitnichten! Würden sie das fühlen, so möchten sie auch bald fliehen; denn so viel Kraft hat noch ein jeder, daß er erstehen und sich weiter gegen den Strom hin bewegen kann, dessen Wasser für sie eine reinigende und heilende Kraft hat. – Allein die Fleischeslust ist ihr Element; und so nagen sie so lange an ihrem Fleische herum, bis es gänzlich verzehrt wird.

[GS 1.17.15] Ihr fraget: Haben diese Menschen wohl auch etwas zu essen, und vermögen sie noch irgendeine Speise zu sich zu nehmen? Da kommt nur her zum zweiten Hause und schauet beim Fenster hinein, und ihr sollet sogleich einer Mahlzeit ansichtig werden.

[GS 1.17.16] Nun, was seht ihr da? Aber ihr könnt doch nichts standhaft ansehen! Warum seid ihr denn gar so plötzlich vom Fenster zurückgesprungen? Ja sehet, solches bringt auch die Fleischeslust mit sich. Ihr habt ein Sprichwort auf eurer Erde: Aber dieser und jener und diese und jene haben sich ja zum Fressen gern! Also könnt ihr euch ja hier nicht gar so entsetzen, so ihr gesehen habt, daß die Einwohner dieses Hauses gegenseitig ihre abgefaulten Fleischteile, welche voll Maden und Würmer waren, aufzehrten. So muß sich das Fleisch verzehren, wenn je noch das Fünklein besseren Geistes in ihnen frei werden soll.

[GS 1.17.17] Ihr fraget nun wieder, ob denn diese unglückseligen Wesen keine Beschäftigung haben? Auch solches werden wir erblicken. Da ist schon wieder ein anderes Haus. Sehet nur bei diesem halbzerfallenen Fenster hinein, und ihr werdet sogleich eine Beschäftigung der Bewohner dieses Hauses erblicken. Aber ihr fliehet schon wieder vom Fenster hinweg. Was gibt es denn da, das euch gar so schnell vom Fenster hinweg getrieben hat? Ist es denn etwas gar so Außerordentliches, wenn man im wahren Lichte erschaut, wie die Bewohner dieses Hauses aus der stinkenden Bodenkloake abgelöste und halbverweste Fleischfetzen herausziehen, dieselben um die kahlen Knochen wickeln, und wenn sie irgendein Knochengestell mit solchen vereiterten Fleischfetzen umwickelt haben, alsbald wieder der sinnlichen Begattung gedenken, und alle ihre Kräfte anstrengen, um sich noch einen wollüstig fleischlichen Genuß zu verschaffen.

[GS 1.17.18] Warum wundert ihr euch denn gar so sehr über diesen Anblick? Geht es denn auf der Erde besser zu? Ihr solltet nur so manches zarte Fleisch, das auf der Erde so viel Aufsehen macht, mit den geistigen Augen betrachten können, und ihr würdet noch bei weitem größere Wunder erblicken denn hier!

[GS 1.17.19] Ihr fraget: Haben denn diese armen Wesen gar keinen Begriff vom Herrn und auch gar keine Sehnsucht nach Ihm? Da gehet nur ein wenig vorwärts; sehet, allda steht etwas auf einem Hügel wie die schmutzige Ruine eines Bethauses. Wir wollen uns ihr nähern; wer weiß, was an Merkwürdigem wir darin entdecken werden! Sehet, hier rückwärts gegen den Berg ist eine schon etwas verfallene Eingangspforte. Wir brauchen nur hineinzuschauen, und wir werden über eure Frage sogleich die gehörige Antwort bekommen. – Nun, ihr fallet ja hier gar zurück. Was habt ihr denn Wunderliches erblickt?

[GS 1.17.20] Ihr könnet ja kaum atmen, geschweige reden. Also müßt ihrs nicht immer machen, sonst werden wir in dieser unserer Wanderung nicht so bald ans Ende gelangen; denn was ihr hier gesehen habt, ist nichts mehr und nichts weniger als ganz natürlich. Denket nur einmal nach; der fleischlich sinnliche und begierliche Mensch trägt solches ja allenthalben mit sich herum. Auch wenn er in ein Bethaus geht, so mag er ansehen, was er will, und seine Fleischliebe wird dabei fortwährend tätig sein. Jeder Gegenstand wird von ihr nach ihrer Art bemalt; und so wird sich auch an jedem Gegenstande solch ekelhafte Liebe geistig erschauen lassen, den ein sinnlich begierlicher Mensch angeblickt hat. Aus diesem Grunde habt ihr auch in dieser Art Bethaus an der Stelle des Altars nichts als lauter beiderseitige Geschlechtsteile erblickt; ja ein überaus mager gestelltes kleinwinziges Kruzifixlein war von allen Seiten her mit solchen Lustteilen behangen und verziert. Ihr habt sogar auch einige Menschen darin erschaut, welche wie in einem Kunstmuseum in diesem Bethause sich herumschleppten und ihre Augen an den obgesagten Kunstgegenständen wie ganz in dieselben versunken und vertieft weideten.

[GS 1.17.21] Findet ihr etwa solches übertrieben? – Ich sage euch: Da ist nicht die geringste Übertreibung, sondern die allerprunkloseste und buchstäbliche Wahrheit; denn so gibt es ja eine übergroße Menge Menschen bei euch auf der Erde, die wohl dann und wann des Herrn gedenken, besonders so sie irgendein geschnitztes Bild sehen, das Ihn freilich wohl nur grob außenmateriell darstellt; wie lange aber dauert solche Erinnerung? – Nur ein Blick auf ein auf irgendeiner Seite befindliches reizendes Weiberfleischchen, und sobald wird die Erinnerung an den Herrn wie dessen Bildnis mit allerlei reizenden Fleischteilen behangen und durchwebt sein! – Auf der Erde verbirgt solches die Haut; aber für den Geist steht dies alles in der nackten Beschaulichkeit offen da. –

[GS 1.17.22] Ihr fraget: Lieber Freund! Da tiefer in diesen schmutzigen Graben hinein gibt es ja noch eine Menge also verzweifelt zierlich aussehender Kneipen; ist da etwa eine Fortsetzung von diesen fleischlichen Löblichkeiten?

[GS 1.17.23] Habt ihr noch Lust, das nächste Haus zu beschauen? Ihr schüttelt mit eurem Kopfe, und so will ich euch denn auch nicht weiterführen, sondern sage euch nur kurz, daß ihr nichts Besseres, sondern stets nur Schlimmeres erschauen würdet. So würdet ihr z.B. schon in dem nächsten Hause alle möglichen Arten von sogenannten Knabenschändungen erblicken. Wenn ihr weiterdringen würdet, da würdet ihr erschauen, wie junge Mägde von den Fleischsüchtigen zur Unzucht verleitet und verlockt werden. Da aber jedoch der Anblick der ferneren fleischlichen Greuel euch mehr schaden als nützen könnte, so ist es besser, daß ihr solches nicht schauet.

[GS 1.17.24] Solches aber muß ich euch dennoch berichten, daß, je weiter man da hineindringt, man die Menschen dem außen nach gewisserart noch stets fleischiger und vollkommener erblickt als dort weiter gegen den Strom zu. Der Grund liegt darin, weil diejenigen gegen den Strom zu schon mehr enthüllt und ihres Fleisches lediger sind denn diese, die da tiefer hinein wohnen.

[GS 1.17.25] Sehet nur dahin, recht weit in diesen schmutzigen Graben hinein, da werdet ihr sogar mehrere Häuser in Flammen erblicken. Ihr fraget: Was bedeutet denn solches? Das bedeutet, daß dort diese fleischliche Lust in Böses ausartet, welches da ähnlich ist der Eifersucht bei euch auf der Erde. In ein solches Haus dürftet ihr nicht hineinblicken; denn ein solcher Anblick würde euch in unvorbereitetem Zustande das Leben kosten! – Somit haben wir in dieser Schlucht auch nichts mehr zu tun, und wir wollen uns daher fürs nächstemal einem andern Dorfe nähern; wir werden sehen, wie es dort etwa zugeht. Ich sage euch: Machet euch ja keine gute Hoffnung; denn da werden wir noch ganz andere Dinge zu schauen bekommen! Und so lasset es gut sein!

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