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Kapitel 19 Die Geistige Sonne

19. Kapitel – Die jenseitige Gestaltung der Herrschsucht.

[GS 1.19.1] Um dieses dritte Tal zu erreichen, werden wir wieder nichts zu tun haben, als uns über diesen freilich wohl etwas höheren Gebirgsrücken zu begeben. Ihr wollet, und sehet, wir sind schon auf der Höhe. Da sehet nur hinab, noch mehr gegen Abend, und das besagte nächste Dorf kann euren Blicken nicht entgehen.

[GS 1.19.2] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder! Außer einigen plumpen Erdaufwürfen können wir nichts entdecken, das da einem Dorfe gliche. Ich sage euch aber: Ihr sehet schon recht; denn sehet nur hinein, so weit ihr es vermöget, in den stets enger und finsterer werdenden Graben, und ihr werdet dergleichen Erdaufwürfe in großer Menge entdecken. Ihr saget: Da kann doch niemand darin wohnen unter was immer für einer Lastergestalt. Ich aber sage euch: Lasset die Sache nur gut sein! Bis wir diese Erdaufwürfe erst vollends werden erreicht haben, wird sich die Sache sogleich anders gestalten. Und so ihr denn wollet, da begeben wir uns hinab.

[GS 1.19.3] Nun sehet, wir wären da, und zwar vor dem ersten Erdaufwurfe; was saget ihr dazu? Ihr zucket mit den Achseln; ich aber sage euch: Tretet nur ein wenig näher, aber nicht gar zu nahe, so werdet ihr sobald mit dem Achselzucken aufhören. Ihr fraget, warum ihr denn zu solch einem ganz unschuldig scheinenden Erdaufwurfe nicht zu nahe hinzutreten dürfet? Auch darüber werdet ihr bei der gerechten Annäherung sogleich den gehörigen Aufschluß bekommen; und so denn tretet ein wenig näher!

[GS 1.19.4] Warum springt ihr denn so heftig zurück? Ich habe es euch ja gesagt, daß diese Erdaufwürfe nicht so leer sind, als sie dem Auge aus einer Entfernung erscheinen. Ihr saget jetzt: Aber um Gottes willen! Was ist solches? Wie wir uns nur um ein paar Schritte diesem Erdhaufen genaht haben, da steckte sobald eine Anzahl der uns bekannten giftigsten Schlangen ihre Köpfe aus den kleinen unsichtbaren Löchern heraus und sperrten ihren giftigen Rachen auf. Wahrhaftig, wenn wir nicht so schnell davongesprungen wären, wären sie sicher auf uns losgestürzt und hätten uns Schaden zufügen können. Sind denn diese Erdhaufen lauter Schlangenwohnungen? Gibt es da nirgends etwas dem Menschen Ähnliches?

[GS 1.19.5] Ich sage euch: Um solches zu erfahren, müssen wir den Erdhaufen von der nördlichen Seite betrachten, wo er freilich am gefährlichsten zugänglich ist. Daher müsset ihr hinter mir einhergehen und ganz verstohlen hinter meinem Rücken hervorblicken, und ihr werdet dann schon das Rechte erschauen. Also kommet! Seht, wir sind schon an der rechten Stelle. Nun merket wohl, da zuunterst des Erdhaufens geht ein Loch in denselben, nach der Art eines Fuchsbaues bei euch; da sehet recht genau hinein, und ihr werdet sobald etwas anderes erblicken. Wenn ihr aber etwas erschaut habt, und möge es von noch so entsetzlicher Art sein, da müßt ihr euch aber dennoch ganz still und ruhig verhalten, denn eine zu heftige Bewegung oder ein unzeitiges Angstgeschrei könnte die Folge haben, daß wir alle eiligst die Flucht ergreifen müßten.

[GS 1.19.6] Nun, habt ihr schon hineingesehen? Ihr bejaht es dumpf; – nun ist's gut. Bevor wir die Sache ausmachen wollen, begeben wir uns so schnell als möglich hübsch fern von dem Haufen. In der Nähe ist nicht gut reden darüber, denn dieser Erdhaufen hat viele tausend Ohren ausgesteckt und ist auf der Lauer; daher kann man nur in einer gerechten Entfernung über sein Verhältnis sprechen. Erzählet mir nun, was ihr gesehen habt.

[GS 1.19.7] Ihr saget: O lieber Freund und Bruder! Schrecklich, überschrecklich, ja entsetzlich war der Anblick! Im Hintergrunde sahen wir ein Wesen kauern, dieses hatte das Aussehen eines allerscheußlichsten und schrecklichsten Drachens. Dieser Drache hatte wohl einen menschenähnlichen Kopf, aber anstatt der Haare war eine unzählige Menge der giftigsten Schlangen zu sehen, welche sich nach allen Seiten krümmten und herumschauten mit ihren feurigen Augen, ob sich kein Raub oder keine Beute dieser schauerlichen Wohnung nahe.

[GS 1.19.8] Mehr gegen den Vordergrund an den Wänden herum sahen wir dann wieder eine Menge elender menschlicher Gestalten, welche an Händen und Füßen mit Ketten geknebelt waren. Eine Menge freier Schlangen kroch um dieselben herum, biß ihnen die Adern auf und saugte ihnen das Blut aus. Das scheußliche Wesen im Hintergrunde aber hatte in seiner rechten, mit einer Schlange umwundenen Hand ein glühendes Schwert und in der andern Hand wie eine zusammengewundene Schriftrolle. Diese Rolle entblätterte nicht selten eine Schlange, die um seinen linken Arm gewunden war, und züngelte in der entblätterten Schriftrolle herum, als wollte sie das im Hintergrund sitzende Ungeheuer auf etwas ganz besonders aufmerksam machen. Nach solchem Akte sahen wir, daß aus einem finsteren Hintergrunde bald mehrere höchst unglücklich scheinende menschliche Wesen von einer Menge Schlangen hervorgezogen wurden. Über diese schwang das im Hintergrunde sitzende Ungeheuer alsbald sein glühendes Schwert, zerfleischte einige, andere ließ es durch die Schlangen, die Menschenarme hatten, wieder mit Ketten belegen und den andern beigesellen. – Solches haben wir gesehen, und nicht mehr und nicht weniger.

[GS 1.19.9] Ich sage euch: Ihr habt recht gut geschaut und alles gehörig entdeckt, aber ihr saget nun: Lieber Freund und Bruder! Ein Laster unter diesem Schauerbilde kann es auf der Erde ja doch wohl nicht geben! Ich aber sage euch: Noch ums Unbegreifliche viel Ärgeres, als dieses Bild es bezeichnet, gibt es in eben dieser Hinsicht auf der Erde. Ratet aber nun einmal, was unter diesem Bilde für ein Laster steckt? Sehet, dieses Bild entspricht der weltlich tyrannischen Herrschsuchtspolitik. Alles, was sich der Herrschsucht nähert, nähert sich auch dem Inwendigen nach ganz charakteristisch diesem Bilde. Ihr dürfet aber darunter nicht etwa die weise Staatsklugheit gerechter, von Gott gesalbter Könige und Regenten verstehen, welche natürlicherweise ihre Völker überwachen müssen, damit die Völker durch ihre gegenseitige große Bosheit sich nicht allzusehr verderben oder gänzlich zugrunde richten. Unter dem Bilde wird nur diejenige höllische Verschmitztheit verstanden, wenn Menschen, was immer für eines Standes oder Ranges, sich auf dem Wege der schändlichsten Kriecherei suchen irgendeinen Herrschposten zu verschaffen. Haben sie sich irgendeinen solchen verschafft, so verschanzen sie sich sogleich mit einer nach außen scheinenden Demut, Unansehnlichkeit und Anspruchslosigkeit. Aber diese ihre Wohnung ist voll lauschender Schlangen, die gleich sind den kriechenden, verschmitztesten geheimen Spionen, welche auf das Sorgfältigste nach außen blicken, ob sich nichts Gefährliches einer solchen scheinbaren Anspruchslosigkeit verderblich nahen möchte. Hat sich etwas genaht, so wird dasselbe gleich ergriffen und durch ein verdecktes, geheimes Geschleif vor den anspruchslosen Inhaber dieser Wohnung gebracht. Daß es der Beute in solch einer anspruchslosen Wohnung nicht am besten ergeht, solches habt ihr an dem Bilde gesehen. Die Schlangen auf dem Kopfe statt der Haare bezeichnen das rastlose Streben nach noch stets größerer Gewalt. Das glühende Schwert in der Hand, die mit einer Schlange umwunden ist, bezeichnet eine erschlichene Herrscherstelle, d.h. irgendein Amt oder Fach, welches solch einen Herrschsüchtigen berechtigt, die ihm anvertraute Macht auszuüben. Daß das Schwert glühend ist, bezeichnet die unerbittliche Strenge oder das tyrannische Wesen. Daß die Hand mit einer Schlange umwunden ist, bezeichnet, daß solch ein Schwert mit großer Schlauheit gehandhabt wird. Die Rolle in der linken Hand, welche Hand ebenfalls mit einer Schlange umwunden ist, bedeutet die Verschmitztheit solch eines Herrschsüchtlers, in dessen Pläne niemand hineinblicken darf als nur seine große Schlauheit.

[GS 1.19.10] Daß ihr die Menschen habt von Schlangen aus einem Hintergrunde hervorschleppen gesehen, besagt, daß des Tyrannen vielfache Schlauheit sie gefangengenommen hat. Die großen Schlangen mit den Menschenarmen, welche den Gefangenen die Ketten anlegen, sind die gedungenen Helfershelfer des Tyrannen. Die Ketten aber bezeugen den vollkommenen Sklavenzustand derjenigen, die unter dem Schwerte eines solchen stehen.

[GS 1.19.11] Nun hätten wir alles entziffert. Ihr saget: Das Bild ist zwar richtig, aber es scheint bei allem dem dennoch etwas stark aufgetragen zu sein. Doch ich will euch nur auf einzelne Beispiele aufmerksam machen, deren die Erde besonders in eurer jetzigen Zeit in großer Fülle besitzt, und ihr werdet daraus gar leicht ersehen, ob dieses Bild zuviel sagt.

[GS 1.19.12] Damit ihr nicht zu lange zu denken braucht, mache ich euch fürs erste auf alle die bösartigen Meuterer aufmerksam, die, zumeist von höherem Standpunkte ausgehend, sich nach der Durchführung ihrer bösen Pläne zu den größten Scheusalen der Menschheit aufgeworfen haben. Robespierre ist noch bei weitem nicht der Ärgste unter den zahllos vielen, welche die arme Menschheit der Erde vielfach leiblich und geistig ins namenlose Unglück gestürzt haben. Und eben solche wahrhaft höllischsatanische Politik von derlei Menschen wird unter diesem Bilde nur oberflächlich gezeigt.

[GS 1.19.13] Wenn es rätlich wäre, euch diese in den tiefer liegenden Erdaufwürfen zu zeigen, wahrlich, ihr könnt es mir glauben, schon bei dem nächsten Haufen wäre auch der Beherzteste aus euch nicht imstande, nur einen Buchstaben mehr auf das Papier zu bringen. Solches alles gehört der alleruntersten und somit auch bösartigsten Hölle an. – Ihr habt von der Höhe hinabgesehen, welch eine große Menge solcher Erdaufwürfe diese schaudererregende Talschlucht in sich enthält. Darüber kann ich euch nur das sagen, daß es in einem jeden solchen Erdaufwurfe ums Zehntausendfache ärger zugeht als in einem vorhergehenden.

[GS 1.19.14] Und solches ist genug. Ich muß es euch offen gestehen: nur die allermächtigsten Engelsgeister, welche mit aller möglichen Kraft vom Herrn eigens dazu ausgerüstet werden, können unbeschädigt dieses Tal passieren; ich aber möchte mit euch nicht einmal bis zum dritten Erdaufwurfe dringen. Solange solche Herrschsucht nur Weltliches im Auge führt, wie ihr es in diesem ersten Erdaufwurfe gesehen habt, so lange ist es dem Geistigen bei gehöriger Vorsicht auch nicht schädlich. Wenn aber, was schon beim zweiten Erdaufwurfe ziemlich stark der Fall ist, diese Herrschsucht auch ins Geistige ihre Schlangenarme streckt, da muß sich auch schon ein jeder Geist streng in acht nehmen, sich einem solchen Erdaufwurfe zu nahen! – Und so denn wollen wir uns mit der Aussicht dieses Tales zufriedenstellen. Für das nächstemal aber will ich euch in dieser nördlichen Gegend auf eine sichere und günstige Anhöhe führen, von welcher aus wir einen allgemeinen Überblick über die mannigfachen Verhältnisse eben dieser nördlichen Gegend gewinnen wollen. – Und somit gut für heute!

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