Help

jakob-lorber.cc

9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Treffer 240 - 260 von 436

[RB 1.130.9] Der G. Theowald thut solches sogleich, und die ganze Schaar nimmt das alles ganz unbedingt wie ein Militärkommando an, und fügt sich in allem, was der Gen. Theowald von ihr verlangt. Als er sogestaltig seinen Auftrag bald und gar sehr leicht ausrichtet, kommt er schnell wieder zurück, und sagt: „Herr Vater, Gott Jesus von Ewigkeit! Es ist geschehen, was Du von mir und durch mich auch von der ganzen Schaar verlangtest; Dein allein heiligster Wille sei unser ewiges Gesetz! Da Du sagtest, uns Allen erst nun Deinen besonderen Willen kund zu thun, so bitten wir Dich, o Du heiligster, erhabenster, weisester und liebevollster Vater, nun darum! Wir Alle betheuern es Dir auf das gewissenhafteste, daß wir von Deinem einmal vernommenen Willen in unserem eigenen Walten und Handeln nie auch nur ein Häkchen werden fallen lassen!“

[RB 1.131.2] Die neuen Gäste aber können sich nicht genug verwundern, wie es denn doch möglich war, daß sie Alle so schnell allerbestens bedient haben werden können. Ein nächster Freund des Generals Theowald spricht darob Folgendes: „Lieber Freund! aber wie kommt Ihnen – nein, nein, dir wollt ich sagen, denn hier sind wir ja Alle gleich – also, wie kommt es dir vor, daß wir Alle, sicher über 3000 an der Zahl, von unsern zwei Brüdern, nehmlich vom ehemaligen Mönche und dem uns aus alter Zeit her schon bekannten Dismas, wie auf Einen Schlag mit Brod und Wein reichlichst versehen haben werden können? Ehedem brachte, wie ich's bemerkt habe, nur, so ich mich nicht irre, der berüchtigte R. Bl. mit etwa ein paar Dutzend gar verzweifelt schönen Maiden etliche Flaschen Weines und so auch etliche Laibe Brodes; ich dachte mir dabei, besonders als die beiden Brüder ganz allein die Vertheilung übernahmen: No, bis die Zwei diese wenigen Flaschen, und die wenigen Laibe Brodes werden an alle mathematisch genau wie beim Militär ausgetheilet haben, da werden die Ersten schier schon wieder hungrig und durstig sein, so die Letzten zur Betheilung kommen werden. Aber dem war es wunderbarst ganz anders. Wie durch irgend einen Zauberschlag hatte ein jeder von dieser ganzen Schaar einen guten Becher voll Weines, und ebenso ein ganz respektabelstes Stück des allerwohlschmeckendsten echten Himmelsbrodes in seinen Händen; und die etwa im Ganzen bei 30 Flaschen Weines waren richtig geleert, und vom Brode der letzte Laib bis auf's letzte Brodsaml vertheilt. Nun sage du mir und eigentlich uns Allen, wie diese Sache auf einem nur halbwegs begreiflichen Naturwege möglich war?! mir ist das ein Räthsel, so wahr ich lebe, über alle Räthsel!“

[RB 1.131.10] Thomas und Dismas treten nun wieder in diesen ersten Saal zu der großen Schaar, und der General Theowald in Gesellschaft seines Freundes Johs. Kernbeiß treten ihnen freundlichst entgegen, und sprechen im Namen der ganzen großen Schaar den rührendsten Dank gegen den Herrn der Herrlichkeit für solch eine allerkostbarste Bewirthung aus. Der Johs. Kernbeiß bemerkt noch insbesondere, wie das alles so überraschend wunderbar schnell vor sich gegangen sei!

[RB 1.131.11] Der Mönch Thomas aber erwidert den herzlichen Dank dem General Th. darum, daß er nebst dem Herrn hauptsächlich der kräftigen Zurechtweisung von Seite des Gen. seine gegenwärtige geistige Vollendung zu verdanken habe, und nach ihm der gesamten Schaar, die ihm den guten Dienst erwies, daß sie ihn wegen seiner großen Dummheit hinauswarf. Darauf sagt der Johs. Kbß.: „Liebster Freund, nur davon rede nichts mehr! Denn ich war auch Einer von denen, die dich hinausgeschoben haben. Aber was einmal geschehen ist, das kann man leider nicht mehr ungeschehen machen. Mich hat es schon tausend Male gereuet; aber der Mensch, ob Geist, oder Fleisch, kommt dann manchmal in eine solche Hitze, wo er sich dann selbsten nicht mehr kennt, und oft nimmer weiß, wessen Geschlechtes er ist; es solle so was nach den weisesten Gesetzen Gottes freilich wohl nie stattfinden. Aber leider findet es denn manchmal sogar unter den sonst besten Menschen statt. Aber ich meine, so die Menschgeister dann ihre gegenseitigen Fehltritte an einander so viel als nur immer möglich wieder gut machen, und sich gegenseitig um Vergebung bitten, und die Hände der Freundschaft zu einem ewigen Bunde reichen, dann wird auch der liebe Vater der Himmel dazu kein gar zorniges Gesicht machen.“ -

[RB 1.132.1] Als Thomas noch kaum solche seine Belehrung an die große Schaar beendet hatte, wird von draußen her schon ein mächtiges Schreien und Heulen vernommen. Thomas ermahnt die Schaar zur Aufmerksamkeit, und sagt: „Wie ihr es nun vernehmet, so gehet das schon in die Erfüllung, was ich euch soeben durch die Gnade des Herrn verkündiget habe; eine schrecklich zerstörte Schaar naht sich diesem Hause; wir vernehmen nun ein mächtiges Schreien und Heulen; die da kommen, müssen sehr bedrängt und im höchsten Grade beleidigt worden sein. Es sind Seelen unbarmherzigst Hingerichteter; sie kommen näher und näher. Daher heißt es nun sehr aufpassen, daß wir ihre Worte nicht überhören! Nun stille, Freunde, sie eilen schon durch die große Gartenstraße herein. Ein Mann ganz düstern Ansehens, in eine schwarze Sammtblouse gehüllt, das Haupt mit einem blauen mit Gold gestickten Käppchen geschmückt, schreitet nahe wie ein Betrunkener voran, und etliche 30 folgen ihm. Hinter ihnen bemerke ich wie Flammen. O das sieht ganz entsetzlich aus! Aber nun stille!

[RB 1.133.17] Denke dir einen ersten Grafen vom ganzen großen Ungarn! Dieser wird durch ein paar bartlose kaiserliche Soldaten-Richterlein zum Galgentode verdammt. Der Graf wird sogleich ohne alle weitere Umstände und Rücksichten auf den Richtplatz hinausgeschleppt. Da er nun sieht, daß es für ihn weder eine Gnade noch einen Pardon giebt, so macht er in der größten Verzweiflung einen Selbstmordversuch, der ihm aber leider mißlingt; das zusehende Volk, vom Mitleide übermannt, fängt laut zu fluchen und zu drohen an, und verlangt unbedingten Aufschub meiner Hinrichtung. Da geben die Exekutoren aber blos nur wegen der Halswunde nach, und der Graf wird ins Spital zurückgebracht, wo man ihm ärztliche Hülfe angedeihen ließ. Der Wunde Schmerz ließ kaum ein wenig nach, und der Graf war der festen Hoffnung, nun vom Kaiser eine Amnestie zu erlangen; da kommt gegen Abend ein Auditor, oder was er etwa war, weckt den Grafen aus einem Ohnmachtsschlafe, und verliest ihm ein zweites Todesurtheil, das sogleich in den Vollzug gesetzt werden müsse. Der Graf, wie von tausend Blitzen gerührt, sinkt ohnmächtig zusammen, so daß man ihn laben muß. Als er wieder etwas zu sich kommt, wird er sogleich von den Schergen ergriffen, und da capo zur Richtstätte hinausgeführt, wo er sozusagen im Gnadenwege von mehreren Jägern wie ein Hund erschossen, und dann sogleich einer Schindmähre gleich begraben wurde, und dieser selbe Graf bin ich, was dir ohnehin bekannt sein dürfte. Und siehe, das heißt man Gerechtigkeit! O du von aller Gottheit verfluchte Gerechtigkeit!

[RB 1.134.6] Spricht der Rücksichtslose: „Da bin ich schon wieder einer andern Meinung! Wohin sollen wir auch fliehen in dieser ewigen Nacht, wo wir kaum so viel Schimmers um uns verspüren, daß wir uns gegenseitig in der nächsten Nähe ausnehmen und schlecht genug erkennen mögen? Wer von uns ist denn bekannt mit dieser verzweifelten Gegend oder Welt oder A. . . – was sie etwa ist? Wir rennen vielleicht etliche Schritte nach irgend einer Seite hin, und ein ins Unendliche gehender Abgrund hat uns allergnädigst aufgenommen per omnia saecula saeculorum. Amen! Denn hier scheint schon alles unendlich und ewig sein zu wollen. Oder wir könnten gerade unsern Feinden in den Rachen eilen. Denn eine Kriegslist wird auch wahrscheinlich hier zu Hause sein; und da kann gerade dort die Hauptmasse sich aufhalten, von woher wir gar keine Stimmen vernehmen, und wir könnten dann eben dort, wo wir uns am sichersten glaubten, am ersten gefangen werden; daher verhalten wir uns nur hier ganz ruhig, und kommt uns etwa so ein kleines Streif-Chörchen in die Nähe, oder so ein paar schleichende Rekognoszenten, so packen wir sie sogleich an, nehmen sie gefangen, und stopfen ihnen das Maul. Der Herr Graf werden mich hoffentlich verstehen?“ '

[RB 1.135.21] Spr. der Frzk.: „Salomos Weisheit meine ich; mit der scheinen Sie nie in irgend einer Verwandtschaft gestanden zu sein. Aufrichtig, und ohne alle Witzelei gesprochen, Herr Graf, Ihre große magyaro-aristokratische Dummheit hat Sie sozusagen an den Galgen gebracht. Denn wären Sie um ein Haar nur weiser gewesen, so wäre Ihrem irdischen Hause solch eine Schmach nie widerfahren. Aber weil Sie eben dummer als ein Rebhuhn sind, so haben Sie es auch so weit gebracht. Das müssen Sie um Gotteswillen nun ja doch einsehen, daß die Welt für Sie wie für uns Alle für ewig verloren ist, samt allen ihren fingierten Rechten und Prärogativen; was wollen Sie denn hernach noch von ihr? und weigern sich nun schon bis zum gerechten Aerger der ganzen Gesellschaft, die angebotene Hülfe durch Jesum Christum anzunehmen, außer Er würde Sie auch hier – in der Geisterwelt – als Grafen Bathiani bestätigen, oder gar zum Fürsten erheben. Denken Sie doch einmal darüber weislich nach, und reden Sie dann entschieden, aber nicht als Magnat von Ungarn, sondern als ein hilfsbedürftiger Mensch, wie wir Alle es sind!“

[RB 1.136.9] Ich erkenne nun ganz wohl, daß es sicher einen Gott geben muß, ohne den wir sicher gar zunichte geworden wären, und kein Dasein hätten und haben könnten. Aber dieser Gott ist allein allmächtig; gegen Sein Urtheil findet kein Rekurs statt; was Er will, das muß unwandelbar geschehen. Und Freunderl, darin liegt mehr als Grund zur Uebergenüge, mit der Annahme, selbst von einer angebotenen Hülfe, wohl bedenklich zu zaudern, und vorher alle Umstände genau zu erwägen, die möglicherweise mit der angebotenen Hülfe vereint sein dürften. Sieh', ich kann mich aus meiner Jugend noch sehr genau erinnern, daß ich einmal ein Evangelium gelesen habe, wo von einem großen Gastmahle die Rede ist, zu dem am Ende, da die Geladenen nicht kommen wollten, alle an den Straßen, Gassen und Zäunen weilenden Proletarier durch die vielen Diener des mächtigen Gastgebers förmlich bei den Haaren herbeigezogen wurden; als der große Speisesaal auf diese Weise gefüllet ward, da kam auch der Gastherr in den Saal, besah die Proletarier-Gäste, und fand Einen, der kein sogenanntes Hochzeitsgewand anhatte; und siehe, diesen ließ er sobald ergreifen, und werfen ins finsterste Gefängniß. G'spürst was, Freunderl, was ich damit sagen will? Sieh', was hat der arme Teufel wohl verschuldet? Die Diener zogen ihn, wie die andern, die vielleicht zufällig besser bekleidet waren, von der Straße zum Gastmahle, und nahmen keinen Anstoß an seiner Kleidung; als aber dann der Herr kommt, da verurtheilt er so ganz mir und dir nichts den armen Teufel, der doch sicher ohne sein Verschulden in den Speisesaal gekommen ist.

[RB 1.136.15] Die Sache, mit einem allein menschlich ehrlichen Sinne betrachtet, ist impertinent grob, roh, ungerecht, und streng genommen auch unwahr, wenn unter dem Bräutigam die Gottheit zu verstehen ist. Denn wie kann die Gottheit zu Jemanden sagen: Ich kenne dich nicht! wo sie anderseits wieder lehrt, daß sie sogar alle Haare am Haupte eines jeden Menschen zählt. Aber wer kann der allmächtigen Gottheit Unrecht geben? Sie läßt kalt sein zum Verzweifeln, und wenn dabei Tausende erfrieren, und Millionen armer Teufel um Wärme bitten, so bleibt es dennoch kalt, so lange die Gottheit kalt haben will, ihrer Weisheit zufolge; so läßt sie ohne Gnade und Pardon die schönsten Saaten durch Fröste und Hagel zerstören, und Niemand kann ihr dagegen einen Damm setzen. Ich sage dir, wer sich von der Gottheit zu abhängig macht, der hat das Elend schon in sich. Was hätte denn den fünf oder wie viel thörichten Jungfrauen geschehen können, so sie gar nicht zum Bräutigamshause wieder zurückgekehret wären? Aergeres kaum, als so, da sie mit ihren gefüllten Lampen zurückgekehret sind, und da um den Einlaß baten. Die Grobheit hätten sie sich wenigstens doch sicher erspart; denn hätten sie da nichts mehr gesucht, so hätten sie auch dem sonderlich groben Bräutigam keine Gelegenheit geben können, ihnen die Thüre vor der Nase zu verriegeln, und ihnen dann allergröbst zu kommen. Denn wo nichts zu gewinnen ist, da ist auch nichts zu profitieren. Und so meine ich wenigstens für meinen Theil, daß wir der Stimme Gottes erst dann ein volles Gehör schenken sollen, wenn wir von ihrem vollsten Wohlwollen gegen uns ganz überzeugt sind; sonst aber bleiben wir wie wir sind, und solle es uns noch so schlecht gehen. Denn ich traue der allmächtigen Gottheit nicht. Was meinen Sie nach reiflicher Ueberlegung dieses meines Einwurfes?“

[RB 1.139.5] Spricht wieder der Redner, sagend: „Liebe Freunde und Brüder, höret mich nun an; denn mir ist nun ein guter Gedanke durch meine Seele gefahren, und diesen will ich euch nun kund thun! Sehet, wir sind Alle gleich unglücklich geworden, und Keiner hat etwas vor dem Andern; wie wäre es denn, so wir lieber in echter Bruderliebe und Freundschaft beisammen verharren möchten, und ohne gegenseitige Vorwürfe das erwarten, was die Allmacht Gottes über uns verfügen wird. Es ist ja ohnehin Qual genug, so wir uns vor Gott fürchten wie eine Taube vor den mächtigen Krallen eines Aars. Wozu sollen wir uns selbst da noch hinzu quälen? Meinet ihr denn, daß dadurch das Urtheil Gottes gegen uns milder ausfallen wird? O mit Nichten! Gott thut, was Er will, und keine Ewigkeit bringt Ihn von Seinem einmal gefaßten Urtheile ab! Denn es stehet in der Schrift: Himmel und Erde werden vergehen, aber Meine Worte nicht! Freunde, darin liegt ein ganz kurioser Ernst, an dem wir für ewig zur Uebergenüge werden zu beißen haben. Daher seien wir wenigstens unter uns freundlich, so uns die Gottheit nimmer freundlich entgegenkommen sollte. Aber es wird nun im Ernste heller und heller, und gegen aufwärts kommt mir auch der Himmel schon recht schön blau vor; nur Sterne kann ich noch nicht ausnehmen; wahrscheinlich werden hier auch keine sein!“

[RB 1.139.16] Alle wenden ihre Gesichter nun gen Morgen hin und entdecken zugleich, was der Miklosch entdeckt hat, und verwundern sich darüber ganz gewaltig. Der Graf aber sagt: „Sehet, ich hatte früher denn doch recht. Hätten wir uns etwa um einige hundert Schritte weiter bewegt, so wären wir ja doch nothwendig am Ende mit der Nase an dieses Gebäude gestoßen, und hätten dort um einen Einlaß bitten können; so aber sind wir noch hier.“ – Spricht der Franzsk.: „Das macht nichts, in der Ewigkeit um ein paar Minuten früher oder später, das ist schon einerlei. Aber nun stille; der gute Mann, der wahrscheinlich in jenem Palaste wohnt, ist uns schon sehr nahe, und es erfordert die Artigkeit, daß wir ihm entgegengehen, indem er sich ganz sicher unsertwegen hierher bemüht.“ -

[RB 1.139.25] Spricht der Graf: „Mein geehrtester, lieber Freund, das versteht sich von selbst; denn ich wollte ja beiweitem lieber gar nicht sein, als von Jemanden etwas anzunehmen, das ich ihm nicht auf eine oder auf die andere Art wieder rückerstatten könnte. Und wie ich da gesinnt bin, so ist auch diese meine ganze Schaar; dafür getraue ich mich, einen Bürgen zu machen, und das mit dem besten Gewissen von der Welt. Aber nun, lieber Freund, der du schon sicher länger diese Gegend bewohnest, und dich überall gut auskennen wirst, sage uns Allen gefälligst, wie wir uns zu unserer Hülfe an den alleinigen Gott Himmels und der Erde, also an Jesum den Gekreuzigten, wenden sollen? Wo ist Er? und werden unsere allersündigsten Augen je Sein heiligstes Antlitz auf einige Augenblicke zu sehen bekommen?

[RB 1.139.26] Wir sind ehedem, als es hier noch sehr finster war, ein paar Male durch eine Stimme förmlich aufgefordert worden, uns an Jesum zu wenden, so es uns geholfen werden solle. Anfangs hielt ich das mehr für eine Art akustische Täuschung; aber nach und nach wurde mir die Sache klarer, und ich fing an es einzusehen, daß da an der Sache wirklich was daran sein müsse. Aber wie eben diese Sache effektvoll anpacken, das ist eine andere Frage, und diese Frage würde uns höchst wahrscheinlich wohl kein Wesen besser beantworten können als geradewegs du, der du hier sicher in Allem und Jedem schon ganz zu Hause sein wirst.“

[RB 1.141.9] Freund, ist denn das Senfkörnlein, mit dem der Herr Selbst Sein Reich verglich, etwa ein Tschimborasso oder ein Amazonenstrom? O nein, es ist unter den Samenkörnern das kleinste, wie es der Herr Selbst ganz klar angedeutet hat. So aber der Herr Selbst Sein Reich mit einer solchen Kleinigkeit vergleicht, wodurch Er ganz sicher die äußerste Demuth des Menschen andeuten will, so kann man denn hoffentlich doch nicht annehmen, daß Tschimborassos und Amazonenströme auf der Oberfläche des kleinen Körnchens Platz finden sollen. Auch sagt Er, daß unter den Aesten des ausgewachsenen Senfgesträuches die Vöglein des Himmels Wohnung nehmen werden. Hätte Er da zu Gunsten der irdischen Hoheit nicht vielmehr sagen sollen: Und unter seinen Aesten werden Vogelgreife, Aar's, Lämmergeier, Strauße und Kasuars Wohnnung nehmen, – um dadurch anzuzeigen, daß man wenigstens doch ein Baron auf der Welt sein mußte, um ins Himmelreich aufgenommen zu werden.

[RB 1.141.16] Spricht der Graf: „Ja, ja, mit diesem Antrag bin ich ganz vollkommen einverstanden, da werde ich auch alles thun; aber der gute Ciprianus, der zeitweilig ein sehr bedeutender Grobianus ist, solle mich mit seinem requiescat gerne haben. Ich läugne es nicht, daß seine letzte Rede mehr als gut und echt evangelisch war; aber wer gab ihm denn das Recht, mich damit führen zu wollen? Er ist de fakto doch um kein Haar besser als ich; wie will er mich dann lehren?

[RB 1.144.14] Spricht der Graf: „Liebe Freunde, wir stehen bereits an der Schwelle des großen Einganges in ein Haus, wovon Sonne, Erde und Mond nichts Aehnliches aufzuweisen haben dürften; mit dem Eintritte in die Wundergemächer wird auch sicher der Eintritt in ein ganz neues, bisher noch nie geahntes Lebensverhältniß auf das Engste und Unwiderruflichste verknüpfet sein. Vor diesem von unberechenbaren Folgen vollen Eintritte sagt der Brd. Miklosch, daß er eine gar gewichtige Ahnung habe und macht uns aufmerksam, und erstaunt förmlich, wie wir Andern davon noch keine Spur haben mögen. Weil aber dieser Eintritt in dieß Wunderhaus von den allergroßartigst wichtigen Folgen sein muß, so bin ich der Meinung, daß sich der Brd. Miklosch über seine Ahnung eher ganz klar ausdrücken sollte, bevor wir in dieses Hauses Gemächer treten. Denn so eine Ahnung kann uns vom größten Nutzen sein, so wir tiefer in ihre Elemente einzugehen vermögen. Sei daher du Brd. Miklosch so gut, und detaillire uns deine Ahnung. Unser lieber Freund wird schon so gut sein, und ein paar Augenblicke Geduld mit uns haben.“

[RB 1.145.7] Spricht der General: „Bruder! da hast du wahrlich eine ganz grundfalsche Vorstellung von Christo dem Herrn. Wie gesagt, du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sieh', wir Alle haben es hier ganz deutlich vernommen, wie dir dieser unser allergrößter Freund, den du noch fest bei Seinem rechten Arm umschlungen mit deiner linken Hand hältst, die Erkennungsmerkmale von Christo dem Herrn gegeben hat, wie auch zugesagt, daß der Herr mit euch, zugleich in diesem Hause eintreffen werde. Nun, so sehe dich denn ein wenig um, ob du Niemanden triffst, der Ihm auf ein Haar ähnlich sehen dürfte; und findest du Jemanden, so halte ihn für den Herrn. Denn ich sage es dir, der Herr Gott Jesus ist hier eben so einfach und prunklos, als wie Er es auf der Erde war, und von irgend einem Glanze an Ihm ist nirgends eine Spur anzutreffen.“

[RB 1.145.15] Spricht der Graf: „Ja, ja, es ist schon alles recht; aber uns wie ein Paar Verbrecher zurückweisen, das ist etwas zu sonderbar; aber in Gottes Namen, sei's nun wie ihm wolle. So ich nur schon meinen Zweck erreicht hätte. Es ist mir aber auch ganz unerklärlich, wie ich dir nun nahe für gar nichts, als allein nur für Jesum den Herrn einen Sinn habe. Alle diese wahrsten Himmelsschönheiten, sowohl dieser reizendst schönen Damen, als wie auch dieses Saales sind für mich wie todte Mumien, oder Bilder ohne Seele, so lange der Eine nicht da ist. Es ist auf der Erde, wo der Schöpfer für tausend und tausenderlei Abwechslungen gesorget hat, schon langweilig genug, daß man wohl öfter von einem allerhöchsten Wesen Gottes blos nur etwas zum Hören bekommt; aber von einem noch so erwünschten Sehen ist wenigstens in dieser Zeit wohl nie eine Rede mehr. Hier aber, wo man auf dem Punkte steht, als selbst Geist den allervollkommensten Geist Gottes sehen zu können, wird einem das Dasein unerträglich, so man Den nicht zu sehen bekommt, Der Einem allein alles in Allem ist. So du, lieber Freund, es weißt, wo Er Sich nun befindet, da zeige mir Ihn, daß ich Ihn nur in der Ferne erblicken möchte.“ -

[RB 1.145.17] Spricht der Graf: „Mein allerhochgeehrtester Freund, das wäre schon alles recht; und es wäre das sehr wünschenswerth, wenn ich Seine zu heilige Nähe ertragen könnte; aber es sollen Seine nächsten und höchsten Engel sogar Seine nächste Nähe nicht zu ertragen im Stande sein, frage: wie dann ich?“ – Spricht der Begleiter: „Freund, so aber Christus der Herr nicht um ein Haar ansehnlicher vor dir stünde, denn Ich, und gerade so mit dir redete, als wie Ich nun, sage Mir, hättest du denn da auch noch so eine gewisse Heiligkeitsscheue vor Ihm, als wie du sie nun hast?“ – Spricht der Graf: „Jenun, ich meine: das würde mir wohl etwas leichter vorkommen, es würde mir zwar wohl noch immer etwas schwer fallen, da ich denn doch gar ungeheuer wohl bedenken müßte, wer Er, und wer ich es sei. Er das unendlichste Alles, und ich das vollendetste Nichts. Aber leichter müßte mir dabei doch auf jeden Fall zu Muthe sein, als so Er in aller Seiner himmlischen Macht daher käme.“ -

9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Mobile Ansicht Impressum